italienischer Herbst

Anfang November werde ich Italien verlassen. Meine Fähre von Livorno, einer Hafenstadt in der Toskana, ist gebucht und mein nächstes Ziel auf dem Weg nach Afrika heißt Barcelona, Spanien. Bis dahin habe ich noch ein wenig Zeit. Und diese letzten Tage habe ich genutzt, um auf verlassenen Pfaden zu radeln und mir Italien intensiver anzusehen. Weg von den touristischen Metropolen und zurück zur Natur. Nach der Jugendherberge in Rom wurde das Zelt wieder zum Dach über meinem Kopf und statt betrunkener Teenager im Hostel habe ich mich über Ameisen, Mücken und Käfer als meine Bettnachbarn gefreut. Ich habe die letzten sonnigen Tage und den Herbstanfang in Italien genossen, gutes Essen und schönes Fahrradfahren. Hier ein Eindruck von meinem Leben on the road und zurück in der Natur.

Auf acht Spuren raus aus Rom

Der Weg in die Natur führt mich zuerst einmal durch die großen und starkbefahrenen Straßen der italienischen Hauptstadt. Ich schiebe mich vorbei an Heerscharen voller Vespas und kleiner Fiats. Vorbei an weißen Taxis und dunklen Limousinen. Und trotz des Verkehrs ist die Ausfahrt aus Rom deutlich einfacher als die Fahrt in Neapel. Nur ein kurzes Stück komme ich ins Schwitzen, als ich mich in der Mitte einer achtspurigen Schnellstraße befinde. Die Fahrbahn teilt sich, die rechten vier Spuren kann ich nicht nutzen, da es dort zur Autobahn abgeht. Und so fahre ich in der Mitte der dreißig Meter breiten Straße, während links und rechts jeweils vier Autospuren parallel an mir vorbeirasen. Ich selber strample schnell und muss aufpassen, keines der Schlaglöcher mitzunehmen oder in die Spurbegrenzungslinien zu gelangen. Zur Motivation denke ich, immerhin ist es dieses Mal kein Tunnel. Denn Tunnel sind die Streckenabschnitte auf denen ich am meisten fürchte überrollt zu werden. Nach ein paar Minuten ist es dann auch überstanden und die Fahrbahn reduziert sich auf vier und wenig später auf zwei Spuren. Auf den beiden Spuren geht es dann relativ gemütlich weiter hinaus aus Rom.

Eine Zeit fahre ich an der Küste entlang. Es ist ein wenig eintönig. Immer geradeaus, die Sonne immer aus der gleichen Richtung und die Landschaft immer die selbe. Zur linken erahne ich das Meer, zur rechten grüne Hügellandschaften, Kiefernwälder und vereinzelte Palmen. Trotzdem, ich genieße die Fahrt, während mir die Sonne auf den Rücken scheint.

Fahrt an der Küste – Kakteen und Palme sind meine Wegbegleiter

Etwas Abwechslung verschaffen mir die Gespräche mit den vielen Rennradfahrern, die mir auf der Strecke begegnen. Fein herausgeputzt in ihren bunten, werbeverzierten Trikots und passenden Höschen kommen sie mir Scharenweise entgegen oder überholen mich. Sobald ich ein Rennrad in meinem Rückspiegel sehe trete ich unauffällig stärker in die Pedale. Nur mit Mühe schieben sich die zierlichen Italiener in ihren Speedos dann an mir vorbei. Ich strample weiter und tue so, als ob es das normalste der Welt sei, mein fünfzigkilo Gefährt mit 30 KM/h voranzutreiben. Dann hänge ich mich etwas in den Windschatten und spätestens bei der nächsten Abfahrt überhole ich den Rennradler. Zur vollkommenen Demoralisierung fange ich daraufhin ein Gespräch an. Irgendwann kommt schließlich die Frage, wie weit ich denn täglich fahre. Ich freue mich insgeheim, ziehe aber die Stirn in Falten und tue so, als ob ich nachdenke: „hm, well that always depends on wind and weather …. but usually around hundertfifty, twohundert kilometers a day.“ Und um sicherzugehen, dass mein Gesprächspartner das auch versteht wiederhole ich auf italienisch „ cento cinquanta, duecento chilometro ai giorno“. Daraufhin sind die Rennradler verdutzt, weil sie mit ihren kleinen leichten Rädern meist nur siebzig, achtzig Kilometertouren fahren. Wenn ich den Sonntagsradler dann vollkommen demoralisiert habe nehme ich die nächste Abzweigung und rufe ihm zu, ich nehme kleinen Umweg. Sobald der Rennradler nicht mehr in Sicht ist verschnaufe ich und mache erst einmal Pause.

Tagträumerei

Am Nachmittag mache ich Halt an einem Badestrand. Da es bereits Herbst wird habe ich den Strand fast für mich alleine. Ich schiebe das Fahrrad über die Holzplanken hin zum Wasser. Dort springe ich in das kühle Mittelmeer und lasse mich anschließend von der warmen Sonne trocknen.

Strandaufgang: Saison vorbei, der Strand gehört mir.
Playa

Am Strand spricht mich ein dickbäuchiger Italiener an. Wir unterhalten uns über Italien. Als er hört, dass ich die Fähre von Livorno aus nehme meint er, er ist in der Hafenstadt geboren. Es sei nicht die schönste Stadt in Italien, aber man könne es aushalten. Und essen solle ich in der Osteria del Mare am Hafen. Dort gebe es den frischten Fisch zu fairem Preis. Das merke ich mir und steige wieder auf mein Rad.

Beim nächsten Halt auf einer kleinen Wiese am Rand der Straße esse ich einen kleinen Snack. Beim Essen beginne ich über die kommenden Tage zu sinnieren. Ich stelle fest, dass ich mich erst daran gewöhnen muss, viel  Zeit zu haben. Bisher war meine Fahrt geprägt von kleinen Zielen, die es zu erreichen galt: in zwei Tagen bis zur Küste, dann gibt es hundert Kilometer weiter einen Campingplatz, den könnte ich nehmen. Am Tag drauf noch einmal in die Pedale treten und bis nach Rom …. und so weiter. Dieser Zwang und die genaue Planung der Radfahrtage sollte nun aufhören. Auf meinem Weg durch Italien bin ich gut vorangekommen, meine Tagesetappen haben meist über hundert Kilometer betragen. Für achtzig Tageskilometer habe ich kaum meine FlipFlops ausgezogen. Und jetzt wo ich Zeit habe, muss ich mich erst einmal zu einer gewissen Langsamkeit zwingen.

Wenn ich im Sattel sitze bin ich abgelenkt, ich trete vor mich hin und genieße die Landschaft, die an mir vorbeizieht. Aber wenn ich etwas weniger am Tag fahre, muss ich mich alleine beschäftigen und das will gelernt sein. Erst vier Monate nach meinem Tourstart schleicht sich eine langsame Tagträumerei ein und ich kann auch einfach mal nichts tun. Eine Weile auf das Meer blicken, den Fischern am Hafen zusehen oder Abends den Sternenhimmel betrachten.

Kleiner Snack für zwischendurch: ein Brot, Schafskäse, Büffelmozerella, Oliven, Tomaten und eine Packung Togo Schokowaffeln

Campingalltag

An einem Abend mit 130 Kilometern finde ich spät Abends endlich einen offenen Campingplatz. Der einzige, der in der Region offen hat. Zuvor bin ich an einem langezogenen wunderschönen Sandstrand entlanggefahren. Ich habe über fünfzehn kleine und große Campingplätze gezählt. Alle geschlossen. Saison vorbei. Nun bin ich heilfroh, einen offenen Campingplatz zu finden und eine heiße Dusche nehmen zu können.

Auf dem Zeltplatz bekomme ich einen kleinen Kiesplatz zugewiesen. Das Zelt ist schnell aufgebaut und meine vielen Taschen verstaut. In dem eingezäunten Areal nebenan stehen ein grauer VW-Bus mit Münchener Kennzeichen. Außer dem Bus sehe ich zwei Fahrräder, vier Stühle, zwei Tische, eine strombetriebene Kühlbox, einen Gasgrill und ein Sammelsurium an Essensvorräten und anderen Dingen. Etwas neidisch gucke ich herüber, da werde ich schon begrüßt. „Hallo Radelfahrer, na wie geht’s wie steht’s?“ Dann plauder ich ein wenig mit den jungen Nachbarn. Die beiden übereifrigen Deutschen halten sich schon seit zwei Wochen mit ihrem Camper auf dem Zeltplatz auf. Klar, sind ja auch eingerichtet wir im Krieg. Sichtlich erfreut über die Abwechslung verwickeln sie mich in ein Gespräch. Als ich später klage, dass alle Zeltplätze geschlossen haben drücken sie mir einen 1.000 Seiten starken ADAC Reiseführer in die Hand. Dort steht alles über die Campingplätze Italiens drin. Zum Beispiel ob es Babywickelstellen, einen Pool oder Animationsprogramm vorhanden sind. Nur nicht, ob sie im Oktober noch geöffnet haben. Ein wenig hilfreiches Buch.

Später radel ich noch einmal in die nahe gelegene Stadt weil das Internet auf dem Campingplatz ausnahmsweise diese Woche nicht funktioniert. Mit müden Beinen fahre ich langsam die Hügel hinauf. Dann höre ich ein leises Surren und die beiden Deutschen schieben sich an mir vorbei. Ich denke, das kann doch nicht sein, die beiden mit ihren Wohlstandsbäuchen sind doch nicht schneller als … und dann sehe ich die großen Akkus an den Fahrrädern: Elektroräder. Na das passt denke ich. Keine dreißig Jahre, allen möglichen Kram dabei und dann radeln sie die drei Kilometer zum Nachbarort mit ihren Elektrorädern.

Am nächsten Morgen wache ich auf, weil es eisig kalt ist. Als ich auf das Handy blicke, um die Uhrzeit zu prüfen sticht mich ein Schmerz in den Rücken. Irgendwie muss ich mich verlegen haben, bestimmt ein Nerv im Rücken eingeklemmt, es tut höllisch weh. Mit den Schmerzen kann ich nicht liegen bleiben, also stehe ich auf. Es ist keine sechs Uhr früh, trotzdem quäle ich mich aus dem Schlafsack. Ich gehe ans Meer und laufe im Stockfinstern am Strand entlang und bis zum Bauch ins Wasser. Ein paar zitternde Momente verharre ich bei der hpynotisierenden Wirkung des rauschenden Meeres. Dann wird es zu kalt und ich gehe zurück. Auf dem Campingplatz genieße eine lange heiße Dusche, in der Hoffnung dass sich mein Rücken wieder einrenkt. Leider hilft es wenig, daher greife ich zu Wundermittel Nummer zwei und koche Kaffee.

Die nächsten drei Stunden sitze ich vor dem Zelt, mit allen Sachen die ich zum Anziehen finde, umklammere die warme Kaffeetasse und warte auf die Sonnenstrahlen. Kurz vor neun höre ich eine Schiebetür und meine Zeltnachbarn trotten verschlafen aus dem VW Bus. Sie holen ihre Vorräte aus der Kühlbox und schmeißen die Kaffeemaschine an: 14 Bar Druck pressen den Kaffee durch die Chromdüsen in die kleinen Becher. Ob ich auch einen möchte fragt der deutsche Nachbar. Der Geruch strömt verlockend bis zu mir ans Zelt. „Nein danke“ lüge ich „Ich habe gerade einen getrunken“. So viel Dekadenz auf einem Zeltplatz, das ist mir zu viel! Kaffee aus der Espressomachine auf dem Campingplatz, nein danke! Ich warte noch fünf scheinheilige Minuten, dann schmeiße ich meinen Benzinkocher an und brühe mir eine zweite Tasse.

Ab in die Berge

Nach dem morgendlichen Kaffee beschließe ich, ein Stück ins Landesinnere zu radeln. Da ich die letzten Wochen genug an den Küsten der Türkei, Griechenlands und Italiens gefahren bin. Und so trete ich kräftig in die Pedale und schiebe das Fahrrad die Hügel hinauf. Mit meiner neugewonnenen Freiheit weiß ich nicht wo es hin soll. Auf meiner Karte entdecke ich einen kleinen See. Am Lago di Bracciano mache ich Halt. Es ist zwar erst 14 Uhr und ich habe nur 65 Kilometer geschafft, aber ich beschließe hier Pause zu machen und mein Zelt aufzubauen. Nach dem Sprung in den See koche ich einen Kaffee und esse ein Packung Nüsse, die ich in den Tiefen meiner Radtaschen finde. Schön ist es hier, denke ich. Nicht umwerfend, aber eine Art schlichte Schönheit, nur die Natur und mein Zelt.

Schlichte Schönheit: Benzinkocher in der Natur

Ich bin alleine, um mich rum niemand. Ein paar Gänse gesellen sich am Nachmittag zu mir und ich beobachte, wie sie schnatternd das Gras aus dem Boden rupfen und fressen. Die Zeit vergeht und ich tue nicht viel. Ich lausche meinem Hörbuch und verziehe mich früh in den Schlafsack, als die abendliche Kälte vom See zu meinem Zelt kriecht.

Gänse: meine einzigen Zeltnachbarn für den Tag

 

Später komme ich noch einmal hervor und schmeiße den Kocher an. Es gibt Nudeln mit Tomatensoße. Einfallslos, aber einfach und einfach gut. Ich blicke in den Himmel und beobachte die Sterne. Für den Tag gehört das alles mir. Nur ich, der See und der Himmel. Schön so. Und eine Stunde später schlafe ich seelenruhig ein.

8 Responses to italienischer Herbst

  1. Toller Bericht! Die Materialschlacht auf den Campingplätzen ist echt krass.

    Anno 2002 war ich mit einem guten Freund in Schweden/Norwegen auf Interrail-Tour… Damas habe ich bei einer mißratenen Kochaktion dann am nächsten Hymer-Wohnmobil mit deutschem Kennzeichen gefragt, ob sie mir mit Soßenbinder (!!) aushelfen können. Die Antwort: „Dunklen oder Hellen?“

    Viel Spaß in Italien!
    Elias

  2. Hy Markusser, ich glaubte schon dass du im Apennin Winterreifen montieren müsstest, denn bei uns schneite es.Du kannst sogar noch in den Bergseen baden.Zum Glück hast du ja einen wärmenden Bart.He, fotografier uns mal deine Oberschenkel,bevor sie auf der Fähre in Richtung Barcelona athrophieren.

  3. Hey Markus,

    Schön um mal wieder zu liesen wie weit Du jetzt gekommen bist. Ich hätte schon eine weile nicht mehr auf deinem Blog geschaut und es hat ein bisschen gedauert bis ich alles
    gelesen hätte! Habe noch mal 50€ für deine gute Sache spendiert.

    Viel Gluck mit dem weitere Reise zu Afrika, und noch mehr Glück gewunscht wann Du da weiter gehst!

    VG
    Ad

  4. Oh Mann, der Herbst ist da!
    Wir haben gestern Abend mit einem Glühwein auf dem Sofa gesessen, nachdem wir am Samstag im Schneegestöber durch Freiburg gelatscht sind!

    Aber es freut mich zu hören, dass du nach gut 4 Monaten endlich da angekommen bist, wo du hinwolltest: In deinem freien Jahr, Auszeit, so ganz ohne Termindruck.

    Dann erhol dich mal gut von deinem bisherigen Streß :-)

  5. Hi Maggi, schauen gerade Pokalspiel Düsseldorf – Gladbach und denken an dich!
    Freuen uns sehr über deine tollen Berichte. L-G- der Schwiegertiger und Mario

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